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Landtag

Landtag | 08.05.2020 | 14:49

Wir brauchen Europa, Europa braucht uns

Landtagspräsident Josef Noggler zum Europatag am 9. Mai

Ein Bild vom Europatag 2019 (Foto: Landtag/Werth)ZoomansichtEin Bild vom Europatag 2019 (Foto: Landtag/Werth)

Voriges Jahr haben wir am 9. Mai auf dem Silvius-Magnago-Platz den Europatag gefeiert, zusammen mit der Landesregierung, Ämtern und Organisationen, die sich konkret mit Europa befassen und die Möglichkeiten, welche die EU bietet, den Bürgern näherbringen. Schülerinnen haben mit einer Tanzperformance aus einem gelben Band einen Stern geflochten, der für Europa steht. Viele Leute waren auf dem Platz, um sich das anzuschauen.

Für heuer hätten wir auch Großes geplant, mit dem Haydn-Orchester, dem Teatro Stabile und den Vereinigten Bühnen Bozen, mit Variationen auf die Europa-Hymne. Wir hätten mit vielen Besucherinnen und Besuchern gerechnet. Ein großes Fest, um uns zu freuen, dass wir Europa haben – statt Krieg, Streit und Neid...

Es ist anders gekommen. Die Lust zum Feiern wäre zwar da, nach dieser langen Zwangspause, aber man darf nicht. Die Gedanken sind auch ganz woanders: Was ist jetzt mit meinem Betrieb, meiner Arbeit, meinem Lebensunterhalt?

In dieser Krisenzeit wurde auch oft Europa angesprochen, und viele haben sich enttäuscht wieder abgewandt. Man erwartete sich gerade in dieser schweren Zeit eine Hilfe aus Brüssel, aber es kam lange Zeit nichts. Genauer betrachtet, waren es einzelne Staaten, die gebremst haben, nicht die EU, genau wie bei den anderen Krisen. Das Eigeninteresse hat nach wie vor die Oberhand.

Wenn wir den EU-Kritikern recht geben würden, stünden wir noch schlimmer da. Südtirol hat nicht nur aus historischen Gründen von der Öffnung der Grenzen profitiert. Wenn nicht die EU, sondern die einzelnen Staaten über die Verkehrsfreiheit entscheiden, dann bedeutet das, dass andere bestimmen, ob unsere Gäste zu uns dürfen oder ob wir unsere Produkte exportieren dürfen. In dieser Krisenzeit haben wir ansatzweise erlebt, wie das sein würde.

Europa hat lange gebraucht, um sich auf eine finanzielle Hilfe in dieser schwierigen Zeit zu einigen. Letztlich hat man einen Kompromiss gefunden und ein Hilfspaket bereitgestellt, das alles Bisherige in den Schatten stellt. Es hätte mehr sein können und es hätte schneller gehen können, wenn die EU gegenüber den Einzelstaaten mehr Kraft hätte. Ohne sie hätte es gar nichts gegeben.

Wir brauchen Europa, aber wir brauchen auch ein besseres Europa. Eines, das die Vielfalt der Länder und Regionen schätzt, das nach außen entschlossen auftritt und das sich um seine Mitglieder kümmert. Gerade in dieser globalisierten Welt brauchen wir auch ein starkes Europa, Einzelstaaten können hier nicht mithalten. Sonst entscheiden andere Kontinente, wie viele Schutzmasken uns in der Not zur Verfügung stehen.

Um Europa zu stärken, braucht es auch uns. Es muss nicht der blinde Glaube sein, es genügt, darüber nachzudenken, was ohne die EU wäre. Einen kleinen Beitrag können wir auch leisten, wenn wir die unhaltbaren Vorurteile gegenüber der EU nicht gedankenlos nachplappern.

Wir brauchen Europa, und Europa braucht uns.


(AM)