
In den Slums von Korogocho, Huruma, Mathare und Eastleigh, Nairobi - Donnerstag, 25. Jänner 2007
Afrika in Bewegung. Ein Marathon durch die Elendsviertel. Korogocho, ein Wort der Swahili-Sprache, bedeutet Chaos. Man darf sich also nicht wundern, dass nichts, was für den Marathonlauf durch die Elendsviertel geplant war, stattgefunden hat. Um sieben Uhr früh steht vor der Kirche St. John eine endlose Menschenschlange, um sich einzuschreiben und die Trikots entgegen zu nehmen. Schlangen von hunderten Menschen, die geduldig warten, vier, fünf Schlangen, die sich da und dort berühren und nicht mehr auseinander zu halten sind. Eigentlich sind es wir Europäer, die sich nicht mehr auskennen und sich wie Kreisel drehen. Die anderen hingegen, Frauen, Männer und Kinder, warten geduldig und bewegen sich harmonisch, als wären sie von einer unsichtbaren Hand geleitet, obwohl alle Pläne der Organisatoren durcheinander gebracht worden waren. In jedem Chaos steckt eine verborgene Ordnung. Als, irgendwann, die Stunde gekommen war (die unsichtbare, nicht die offizielle) und auf dem Startfeld kein Platz mehr ist, dreht die Richtung der Flut um, zum Eingangstor, dort staut und überschlägt sie sich, zieht sich zusammen und bricht schlussendlich durch: Der Marathon hat begonnen. Wir überqueren die Hauptstraße von Korogocho. Die Kinder grüßen uns: "Aja ju?", was soviel heißt wie "How are you?" Aber ich weiß nicht, ob sie die Antwort interessiert. Sie wissen nur, dass es ein Riesenspaß ist, wenn sie einem Weißen "Aja ju?" zurufen; dann fängt der an zu gestikulieren wie ein Affe. Wenn ich "Kinder" sage, dann meine ich eine riesige, unvorstellbare Menge von Kindern jeden Alters, die Schwärme bilden, laufen und dich bei der Hand nehmen: "Aja ju?" Jene, die nichtoffizielle oder Missionsschulen besuchen, tragen Uniformen und bilden eine farbige Masse, ein roter Schwarm rechts, ein grüner weiter vorn, und alle zwitschern "Aja ju?" wie ein Schwarm Spatzen. In Afrika gibt es Menschen genug. Wir sind nur weiße Pünktchen in einer großen schwarzen Masse. Wir gehen mit ihnen. Afrika ist seit Jahrtausenden auf dem Weg und ist es immer noch. Es erwacht um fünf Uhr früh, und mit dem ersten Morgenlicht füllen schon Hunderttausende die Straßen von Nairobi. Sie gehen geradeaus die Straßen entlang, gehen auf den Bahnschwellen, mit längeren, schnelleren Schritten als den unseren, den Wegen entlang, die sie jeden Morgen nehmen und jeden Abend, wenn die Sonne untergeht.
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| Dello Sbarba mit den Kindern von Nairobi | Samuel geht eine Weile neben mir. Er sagt, er ist bis zum Start bereits dreizehn Meilen gegangen, weil er am anderen Ende der Stadt lebt, in den Westlands. Und jetzt sind es weitere fünfzehn bis zum Ziel. Unzählige, vor allem Frauen, gehen in Latschen, und sie kommen ins Ziel, ohne einmal Halt zu machen. Ich vergaß zu erzählen: Afrika, wenn es einmal im Gange ist, bleibt nie stehen, bis es angekommen ist. Auch wir, die wir an seiner Seite gehen, bleiben nicht stehen. Einen Weg gemeinsam gehen, plaudern, sich etwas zum Trinken reichen, Traubenzucker anbieten oder Schnitten von Mango, Ananas oder Papaya. Und lachen, lachen, lachen, vor allem die Frauen. Sich einen Weg bahnen zwischen Autos, Lastwagen, Bussen, die die Straße besetzen und die Luft verpesten. Die Straßen der Barackenviertel säubern. Die Leute grüßen am Rand der Straße aus roter Erde, der Straße einen Wert beimessen und auch jenen Baracken, jener Anhäufung von Hütten, Blech, Kochstellen, Ständen und Menschen, Menschen, Menschen. Wir gehen durchs Elendsviertel Huruma, entlang der geteerten Juja Road, wo die Schattenwirtschaft sich auf die spezialisiert hat, die nachkommen: da die Tischler, die Betten zusammenstellen, weiter vorn die Matratzenhändler, dann die Baracken mit den Sofas und den Tischen, jene mit Eisenwaren, dann das Viertel der Schmiede, das in jenes der Fahrradmechaniker übergeht, die dann zu Motorrad- und später zu Automechanikern werden - eine harmonische Entwicklung der Art, sich zu beschäftigen. Aber das sind die Hütten auf der Straßenseite. Dahinter geht es ins Tal von Mathare hinunter, und dort versinkt auch die Barackensiedlung, unter den Kloakenspiegel, wo das faulige Wasser sich staut und wo die Menschen untergehen. Wir kommen nach Eastleigh, den muslimischen Slum, den verrufensten - "Ihr geht nach Eastleigh? Seid ihr verrückt?", fragt man uns. Am Anfang gibt es Häuser, sogar mehrstöckige, die Marktstände sind reich, viele verkaufen auch Bücher. Wenn nur nicht diese Straße wäre. Die ist um einen halben Meter im Boden versenkt und voll Wasser: zehn, zwanzig Zentimeter fauliges Wasser, eine Kloake unter dem Himmel. Aber wir müssen diese Straße benutzen, also überquere ich sie, während Autos, Busse und Lastwagen durch den Sumpf vorbei fahren und wir am Rand, einen halben Meter höher und bedrängt vom Schmutz, uns beeilen, in der Hoffnung nicht angespritzt zu werden. Aber Eastleigh wird mit jedem Schritt schlimmer, die Häuser machen den neuen Baracken Platz, und zum Schluss führt die Straße an einer Müllhalde entlang, wo Männer und Kinder mit müllfarbenen Kleidern zusammen mit den Ziegen zwischen den Müllsäcken nach etwas Brauchbarem stöbern. Wir sind am Rand des Militärflughafens angelangt. Riesige gelbe Tupolev wanken in der Ferne, sie zielen auf uns und überfliegen uns in zwanzig Metern Höhe, um gleich jenseits des Zauns zu landen. Dort, zwei Schritte vom Flugplatz entfernt, dürfte man nicht wohnen. Aber grad dort, wo man nicht darf, entstehen die Slums, die zweihundert Barackenviertel von Nairobi. Nach der Brücke über die Eisenbahn, die das Inferno der Baracken vom Paradies im Zentrum (Fegefeuer gibt es in Nairobi nicht), ändert sich die Landschaft. Links von der Straße liegen zwei riesige Golfplätze, Golfplätze mitten im Zentrum, voll von reichen, englisch gekleideten Schwarzen mit umgehängter Schlägertasche. Die Menge aus den Baracken überqueren die unsichtbare Grenze zwischen Verzweiflung und Privileg und ergießt sich ins Zentrum, darunter Straßenkinder, die am Klebstoff schnüffeln, Schwärme von Kleinen aus den Schulen der Barackenviertel, die Frauen in den Latschen.
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| Der Schlussmarathon des WSF | Das Ziel ist der Freiheitspark, wo das Social Forum begonnen hat und wo es mit dem "Barackenviertel-Marathon für die Grundrechte" endet. Auf dem riesigen Podium wird musiziert und gesungen und zwischendurch auch geredet. Die Grußbotschaft von Nelson Mandela wird verlesen, und eine Frau neben dem Sprecher übersetzt in die Gebärdensprache. Die Armen Afrikas werden oft taub. Aber die Armen haben eine Stimme und heute, am Ende des Forums, erheben sie sie gegen die Veranstalter. "Das nächste Mal machen wir es allein", schreit eine Frau ins Mikrophon auf dem Podium. "Korogocho Mirror", die Zeitung der Elendsviertel, kritisiert, dass "keine unserer Jugend- oder Frauengruppen an der Vorbereitung und am Ablauf des Forums beteiligt wurde". Und Margaret Obunga, Menschenrechtsaktivistin in Korogocho, klagt an: "Was passiert am Tag nach dem Forum? Habe ich dann einen Teller Maisbrei mehr auf meinem Tisch?"
Gestern kam die Nachricht vom Tod Ryszard Kapuscinskis, jenes Meisters des Journalismus, der Afrika am besten beschrieben hat. Ich schließe dieses Tagebuch mit seinen Worten, die ich noch im Gedächtnis habe: "Man kann nicht von Menschen erzählen, ohne wenigstens ein bisschen ihr Schicksal geteilt zu haben. Ein Zyniker ist für diesen Beruf nicht geeignet."
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